Vom 28. September bis 2. Oktober 2026 haben wir, Frau Lemme und Frau Gross, im Rahmen von Erasmus+ eine Woche lang an einem Gymnasium in Turin hospitiert. Hier berichten wir von unseren Eindrücken.
Wie sieht Schule in Italien aus? Was können wir von unseren italienischen Kolleginnen und Kollegen lernen? Mit diesen Fragen sind wir Ende September nach Turin gereist. Unser Ziel war das Liceo Scientifico Statale „Galileo Ferraris“ („GalFer“) ein Gymnasium mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Möglich gemacht hat die Reise das Erasmus+-Programm der Europäischen Union über das Konsortium der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.
Das Gymnasium in Italien
In Italien besuchen alle Kinder zunächst acht Jahre gemeinsam die Schule: fünf Jahre die Grundschule und drei Jahre die Mittelschule. Danach entscheiden sie sich für eine weiterführende Schule. Das Liceo ist das italienische Gymnasium. Es dauert fünf Jahre und führt mit dem Esame di Stato, der „Maturità“, zum Abitur.
Anders als bei uns hat jedes Liceo von Anfang an ein festes Profil. Es gibt zum Beispiel das altsprachliche Liceo Classico, das Liceo Linguistico für Sprachen, das Liceo delle Scienze Umane für Humanwissenschaften sowie künstlerische und musikalische Licei. Das Liceo Scientifico legt den Schwerpunkt auf Mathematik und Naturwissenschaften. Trotzdem gehören auch Latein, italienische Literatur und Philosophie fest zum Stundenplan. Gerade die Philosophie hat an italienischen Gymnasien einen hohen Stellenwert: Sie wird in den drei oberen Jahrgängen als eigenes Fach unterrichtet. Am „GalFer“ ist Latein die verpflichtende Fremdsprache und danach können die Schüler*innen zwischen Deutsch, Englisch und Französisch wählen.

Auch die Organisation des Schultags unterscheidet sich vom Berliner Alltag. Am „Galileo Ferraris“ findet der Unterricht von 8 bis 14 Uhr statt, eine Stunde dauert 55 Minuten und die Klassengröße liegt bei 22-26 Schüler*innen. Die Noten reichen von 1 bis 10, bestanden ist ab der Note 6 (60%). Für Leistungen gibt es schriftliche Tests und mündliche Prüfungen im Unterricht, mündliche Noten in jeder Stunde gibt es nicht. Zusätzlich bekommen alle Schülerinnen und Schüler eine Note für ihr Verhalten, den „voto in condotta“. Beeindruckt hat uns, wie selbstständig die Jugendlichen ihr Lernen wahrnehmen müssen. Sie übernehmen viel Verantwortung für den eigenen Lernweg, weil viele Stunden eher wie eine Vorlesung von den Lehrkräften gestaltet werden.
Ein herzlicher Empfang
Von Anfang an haben wir uns in Turin sehr willkommen gefühlt. Betreut hat uns Paola Dobrilla, die Koordinatorin für Erasmus+ und Internationales an der Schule. Sie hatte unsere Woche mit viel Sorgfalt vorbereitet. Der Plan war genau auf unsere Fächer Deutsch, Ethik, Philosophie und Darstellendes Spiel zugeschnitten, und sie gab uns hilfreiche Hinweise, zum Beispiel zur Inklusion an der Schule. Auch an die Sprache wurde gedacht: Einige Stunden wurden eigens für uns auf Englisch gehalten. Im Italienischunterricht haben Schülerinnen und Kolleginnen für uns übersetzt. Ob Schulleitung, Kollegium oder Klassen: Überall wurden wir offen und freundlich aufgenommen und konnten jederzeit Fragen stellen.
Inspirierender Unterricht
Die Stunden, die wir besuchen durften, waren sehr abwechslungsreich. Im Philosophieunterricht ging es um die Sklaverei in Amerika und den 13. Zusatzartikel der US-Verfassung. Besonders eindrucksvoll war eine Stunde zum Eichmann-Prozess. Der Philosophiekurs spielte ihn auf Englisch als Rollenspiel nach, um Hannah Arendts Gedanken greifbar zu machen. Zuvor hatten sich die Schüler*innen ausführlich mit dem Werk „Die Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt auseinandergesetzt, das sie in den Sommerferien gelesen haben. In einer anderen Stunde lautete die Frage „Was ist der Wert von Bildung?“. Die Jugendlichen diskutierten diese Frage in einer freien Aussprache in zwei Runden mit Statements und Ergänzungen in einem Gesprächskreis. Danach besprachen sie gemeinsam, wie gut die Methode funktioniert hatte. Im Italienischunterricht lernten wir das Gedicht „L‘infinito“ von Giacomo Leopardi kennen, ein Gedicht, das jede*r italienische*r Schüler*in kennt und mindestens einmal im Unterricht behandelt.
Was wir mitnehmen
Wir kommen mit vielen Ideen zurück, die wir am Immanuel-Kant-Gymnasium weitergeben und ausprobieren wollen. Die Woche hat uns gezeigt, wieviel Schulen in Europa voneinander lernen können und wieviel uns trotz aller Unterschiede verbindet. Das Liceo „Galileo Ferraris“ war für uns ein wunderbarer Ort. Wir würden uns sehr freuen, wenn daraus ein dauerhafter Austausch zwischen unseren Schulen entsteht, mit Besuchen von Lehrkräften und vielleicht bald auch von Schülerinnen und Schülern.
Ein herzliches „Grazie mille“ an Paola Dobrilla, an die Schulleiterin Antonietta Mastrocinque und an alle Kolleginnen, Kollegen, Schülerinnen und Schüler in Turin! Wir danken außerdem unserem Erasmus+-Koordinator Herrn Ernst und unserem Schulleiter Herrn Niedermöller für ihre Unterstützung.
K. Lemme und M. Gross