Obdachlosentour der Klasse 8G

Der Ausflug in ein anderes Leben

Mit großer Ehrlichkeit und Humor entfĂŒhrte der Tourleiter Uwe mich und die 8 Klasse des Immanuel-Kant-Gymnasiums in Lichtenberg in die Welt der Obdachlosigkeit. Bewaffnet mit einem Rucksack, in dem ein Schlafsack, Pappe, Decken und Ähnliches lagen, fĂŒhrte er uns zu den verschiedenen PlĂ€tzen in Berlin, die fĂŒr ihn eine wichtige Rolle spielten. Uwe wurde nach der Wende zu einem Obdachlosen. Er machte uns allen die Strapazen und UmstĂ€nde klar, unter denen diese Menschen leben mĂŒssen. Ohne mit der Wimper zu zucken, sprach er ĂŒber seine Alkoholsucht und erklĂ€rte, wie er seine GetrĂ€nke in der Spree gekĂŒhlt hatte, wie er seinen Schlafplatz vorbereitet hatte und wie er damals auf einer Bank schlief, ohne sich weh zu tun. All diese Themen brachten uns zum Nachdenken, darĂŒber wie wir Obdachlose frĂŒher gesehen hatten und wie wir sie jetzt sehen. Wir versetzten uns in die Situation der Obdachlosigkeit hinein und uns wurde klar, dass das heutzutage eigentlich jedem passieren könnte. Durch die stĂ€ndige Interaktion mit der Klasse kam es allerdings trotz der eigenen GrĂŒbeleien nie zu einer getrĂŒbten Stimmung. Das Vorbereiten eines Schlafplatzes war beispielsweise eine neue und lehrreiche Erfahrung, da man an dieser Übung erkannte, was fĂŒr Gedanken sich obdachlose Menschen eigentlich zum Überleben auf der Straße machen. „Erst die Pappe, dann die Isomatte, als nĂ€chstes der Schlafsack und zum Schluss die Decken“, so Uwe. Diese Tour ist keine Tour durch Berlin. Sie fĂŒhrt einen durch das lehrreiche Leben eines Mannes, der zu seiner Vergangenheit, seiner frĂŒheren Obdachlosigkeit und seinen Hochs und Tiefs in dieser schweren Zeit steht. Wir sind uns jetzt wohl alle einig, dass man vor solchen Menschen nur noch den Hut ziehen kann.

Heidi (Klasse 8G)


Der Einblick in ein anderes Leben

Am 14.11.2019 hat uns Dieter einen Einblick in sein Leben und seine Geschichte gegeben. Er war drei Monate obdachlos und lebte davon neun Wochen in Berlin, zwischen Bahnhof Zoo und Savignyplatz in Charlottenburg auf der Straße.

Morgens um zehn haben wir uns mit Dieter am Bahnhof Zoo getroffen und wurden direkt von ihm vor eine Entscheidung gestellt: ,,Wenn ihr obdachlos wĂ€rt, ĂŒber was wĂŒrdet ihr euch am meisten freuen? Schokolade, Äpfel oder ĂŒber eine warme Bockwurst mit Brötchen?‘‘ UngefĂ€hr die HĂ€lfte meiner Gruppe entschied sich fĂŒr die warme Bockwurst mit Brötchen, welche die richtige Antwort war. Dieter erzĂ€hlte uns, dass man als Obdachloser sowieso öfters mal Schokolade bekam und einem zum Apfel essen nach lĂ€ngerer Zeit die ZĂ€hne fehlen wĂŒrden.

Als erstes gingen wir zu seinem frĂŒheren Schlafplatz direkt am Bahnhof, den er sich mit ein paar seiner Freunde in der Zeit geteilt hatte. Dort erzĂ€hlte er uns vom kalten Winter, den er hier in der KĂ€lte verbringen musste. Seine Gruppe bestand aus acht Leuten, von denen heute nur noch zwei leben. Dieter hat sich bis jetzt einen besonderen Namen in dieser Gruppe gemacht, denn alle nannten ihn ,,den Milchtrinker vom Bahnhof Zoo‘‘. Er rĂŒhrte nĂ€mlich wĂ€hrend seiner ganzen Zeit auf der Straße keinen Alkohol an und trank stattdessen Milch.

Dieter zeigte uns seine Lieblingsbibliothek und eine schwarze Skulptur aus Plastikröhren, welche fĂŒr ihn der beste WĂ€schetrockner in ganz Berlin ist. Er hat hier nĂ€mlich frĂŒher oft seine nasse WĂ€sche aufgehangen und trocknen lassen, als aber dann die Polizei kam und ihn verwarnte, musste er die WĂ€sche abnehmen. ,,Die Polizisten fuhren weiter und sieben Sekunden spĂ€ter hing meine WĂ€sche wieder auf dem Ding‘‘, sagte er lachend.

Am Savignyplatz angekommen, erzĂ€hlte uns der 50 Jahre junge (auf das ‘‘jung‘‘ achtet er besonders:)) Dieter, von den schrecklichen Auswirkungen von zu viel Konsum von Drogen und Alkohol, denn er selbst verlor eine Freundin an der Droge Crystal Meth und zwei andere an zu viel Alkohol.

Dieter musste im September 2012 seine Wohnung verlassen, doch zog er drei Monate spÀter durch einen Zufall in ein betreutes Wohnen und zwölf Monate spÀter sogar in eine eigene Wohnung.

Dieter hatte also am Ende, wie man so schön sagt, echt großes GlĂŒck im großen UnglĂŒck!

Celine (Klasse 8G)